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Opinion

Helvetisches Rohstoff-Eldorado - Welche Verantwortung tragen der Handelsplatz Schweiz und seine Unternehmen?

Mindestens ein Drittel des Handels mit genannten Rohstoffen wird heute über die Schweiz abgewickelt (wobei die meisten Rohstoffe nie Schweizer Boden berühren). Bei ausgewählten Ressourcen wie z.B. Kupfer, Gold, oder Kaffee steigen die Anteile auf bis zu 70% des weltweiten Gesamthandelsvolumens. Was viele bis vor kurzem kaum wussten: heute ist der Rohstoffhandel vor den Finanzdienstleistungen der wichtigste Dienstleistungsexport der Schweiz und beziffert sich auf über 3% des Schweizer Bruttoinlandproduktes. Angesichts der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Rohstoffhandels ist es kaum erstaunlich, dass sich ein offener und produktiver Umgang mit den Schattenseiten des Rohstoffsektors in der Schweiz oft schwierig gestaltet. Viele Akteure, und nicht zuletzt Exponenten der Schweizer Politik, fassen den Rohstoffhandel mit Samthandschulen an, getrieben von der Befürchtung, dass strengere Auflagen und Kontrollmechanismen die Rohstofffirmen aus der Schweiz vertreiben könnten. Dieses Rational offenbart sich auch im ansonsten löblichen „Rohstoffreport“ des Schweizer Bundesrates. Der im Jahr 2013 publizierte Bericht konstatiert zwar einerseits, dass Verantwortung und Nachhaltigkeit im Rohstoffsektor ein ernsthaftes Anliegen der Schweizer Regierung darstellt; gleichzeitig ist man darauf bedacht, dass allfällige Auflagen an entsprechende Firmen die Wettbewerbsfähigkeit des Handelsplatzes Schweiz auf keinen Fall negativ beeinträchtigen dürfen. 

Das Argument des volkswirtschaftlichen Nutzens für die Schweiz ist insofern kritisch zu betrachten, als es die diversen mit dem Rohstoffsektor verbundenen Probleme zu Anliegen zweiter Ordnung degradiert. Gemäss einer Studie des früheren UNO Sonderbeauftragten für Wirtschaft und Menschenrechte, John Ruggie, entfallen 28% der global dokumentierten Menschenrechtsverletzungen mit Unternehmensbeteiligung auf den Rohstoffsektor. Darunter fallen Verstösse gegen Arbeitsrechte, die Beeinträchtigungen von Gesundheit und Subsistenz angrenzender Gemeinden durch gravierende Umweltbelastungen, aber auch Übergriffe von Sicherheitspersonal oder die Verwicklung in Konflikte belasten den Sektor. Der Rohstoffabbau kommt zudem immer wieder in Konflikt mit den Rechten indigener Bevölkerungen und deren ökonomischer, kultureller und spiritueller Bindung an ihr Land.

Die Frage, ob die Schweiz eine Mitverantwortung bei der Lösung dieser Missstände zu tragen hat, wird vor diesem Hintergrund nicht selten mit dem Verweis gekontert, dass in der Schweiz vor allem Rohstoffe gehandelt werden, während bestehende Probleme wie Menschenrechtsverletzungen vor allem bei der Rohstoffförderung in Entwicklungsländern auftreten. Dieses Argument greift allerdings aus verschiedenen Gründen zu kurz. Zum einen sind grosse Handelskonzerne wie z.B. Glencore heute weitgehend vertikal integriert und auch in der Rohstoffförderung aktiv. Zum anderen fordert die sensibilisierte und zunehmend gut informierte Öffentlichkeit heute verstärkt, dass auch die Schweizer Rohstoffhändler zumindest eine Mitverantwortung übernehmen für die Bedingungen unter welchen die gehandelten Rohstoffe gefördert werden. Etablierte Firmenstandards wie beispielsweise die UNO Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte fordern demnach global tätige Unternehmen dazu auf, ihre Geschäfte auch mit Blick auf die Menschenrechtssituation in den Förderländern des globalen Südens mit gebührender Sorgfalt abwickeln. Demgegenüber kommt diese Forderung nach einem erweiterten Verantwortungsverständnis von Rohstoffhändlern in internationalen Standards mit explizitem Bezug zur Rohstoffproblematik aber leider noch wenig zum Tragen, adressieren diese doch immer noch v.a. die Rohstoffförderung, während der Handel nur selten in ihren Geltungsbereich fällt.

 Angesichts dieser Umstände ist die Schweiz als führender Handelsplatz von Rohstoffen zum Handeln aufgefordert. Dass daran die Reputation der Schweiz als Hort und Hüterin einer langen humanitären Tradition hängt, wurde mittlerweile auch auf höchster Bundesebene erkannt, steht die Schweiz doch zunehmend in der öffentlichen Kritik und unter wachsendem Druck aus dem Ausland. Gerade wenn es um die effektive Steuerung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimensionen des Rohstoffhandels geht, stellen sich aber heute eklatante Wissenslücken heraus. So operierten die Schweizer Handelshäuser aufgrund ihrer rechtlichen Organisationsform bis vor kurzem jenseits des öffentlichen Scheinwerferlichts und hüllen sich bis heute in einen Mantel der Verschwiegenheit und Intransparenz. Eine Öffnung des Sektors hin zu mehr Transparenz, Dialog und Kooperation tut Not. Und auch die Wissenschaft kann und muss hier ihren Beitrag leisten, indem sie den Rohstoffhandelsplatz Schweiz systematisch erforscht und untersucht und damit Grundlagenwissen schafft, welches für eine effektive Rohstoffpolitik unerlässlich sein wird.

Was auch immer die Zukunft bringen wird, fest steht bereits heute: als Gigant im Rohstoffbusiness kann sich die kleine Schweiz ihrer Verantwortung in Bezug auf die sozial und ökologisch nachhaltige Einbettung des Rohstoffhandels nicht entziehen. Oder positiv formuliert: die Schweiz hat es aktuell in der Hand, international eine Vorreiterrolle im Umgang mit dem Rohstoffsektor zu übernehmen, anstatt lediglich abzuwarten, bis sich andere Rohstoffzentren bewegen.

Weiterführende Informationen: Factsheet Schweizer Rohstoffhandel (Akademie der Wissenschaften Schweiz)

Das Factsheet „Schweizerischer Rohstoffhandel“ der Schweizer Akademien basiert auf einer gemeinsamen Forschungsarbeit zum Schweizer Rohstoffhandelsplatz des Centre for Development and Environment CDE (Universität Bern), des Instituts für Wirtschaftsethik IWE (Universität St. Gallen) und des World Trade Institute WTI (Universität Bern).