Kritik an Nestlé für mutmaßlichen Zuckerzusatz bei Babynahrung in ärmeren Ländern
"Nestlé macht Babys und Kleinkinder in einkommensärmeren Ländern zuckersüchtig"
Die beiden führenden Babynahrungsmarken, die Nestlé in Ländern mit tiefem oder mittlerem Einkommen als gesund und wichtig für die Entwicklung von Kindern bewirbt, enthalten hohe Mengen an zugesetztem Zucker. In der Schweiz, wo Nestlé seinen Hauptsitz hat, verkauft der Konzern solche Produkte ohne Zuckerzusatz. Dies zeigt eine gemeinsame Recherche von Public Eye und dem International Baby Food Action Network, welche die Heuchelei und das irreführende Marketing des Schweizer Nahrungsmittelriesen aufzeigt. [...]
In seiner eigenen Kommunikation und über Dritte bewirbt Nestlé Cerelac und Nido als Marken, die Kleinkindern helfen sollen, «ein gesünderes Leben zu führen». Mit Vitaminen, Mineralien und anderen Mikronährstoffen angereichert wurden diese Produkte nach Angaben des multinationalen Konzerns speziell für die Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern entwickelt. Sie sollen dazu beitragen, das Wachstum, das Immunsystem und die kognitive Entwicklung zu stärken.
Aber bieten diese Cerealien und Milchpulver wirklich die «bestmögliche Ernährung», wie Nestlé behauptet? Public Eye und das International Baby Food Action Network (Ibfan) wollten dies überprüfen und konzentrierten sich dabei auf eine der wichtigsten Gefahren im Bereich der Ernährung: den Zucker. [...]
Unsere Untersuchung zeigt, dass für Nestlé nicht alle Babys gleich sind, wenn es um zugesetzten Zucker geht. Während in der Schweiz, wo Nestlé seinen Hauptsitz hat, die wichtigsten von Nestlé vertriebenen Getreidebreie und Folgemilchprodukte für Babys und Kleinkinder frei von Zuckerzusatz sind, enthalten die meisten entsprechenden Produkte, die Nestlé in Ländern mit niedrigeren Einkommen verkauft, zugesetzten Zucker – oft in hohen Mengen.
Ein Beispiel: In der Schweiz bewirbt Nestlé seinen Getreidebrei «mit Biscuit-Geschmack» für sechs Monate alte Babys mit dem Hinweis «ohne Zuckerzusatz», während in Senegal oder Südafrika die Cerelac-Cerealien in der gleichen Geschmacksrichtung 6 Gramm zugesetzten Zucker pro Portion enthalten.
In Deutschland, Frankreich und Grossbritannien – Nestlés wichtigsten Märkten in Europa – sind alle von Nestlé verkauften Folgemilchprodukte für Kleinkinder von einem bis drei Jahren ebenfalls ohne Zuckerzusatz. Obwohl einige Cerealien für Kinder über einem Jahr zugesetzten Zucker enthalten, sind alle für Babys ab sechs Monaten frei davon. Der Weizenbrei für sechs Monate alte Babys der Marke Cerelac, den Nestlé in Deutschland und Grossbritannien verkauft, enthält keinen Zuckerzusatz, während das gleiche Produkt pro Portion in Südafrika 4 Gramm enthält, in Äthiopien mehr als 5 Gramm und in Thailand 6 Gramm.
«Solche Doppelstandards sind nicht zu rechtfertigen», kommentiert Nigel Rollins, Wissenschaftler bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), unsere Recherche. Für ihn ist die Tatsache, dass Nestlé den in der Schweiz verkauften Produkten keinen Zucker zusetzt, aber durchaus bereit ist, dies in Ländern mit geringerer Wirtschaftskraft zu tun, «sowohl aus ethischer Sicht als auch aus der Sicht der öffentlichen Gesundheit problematisch». Rollins meint, dass Hersteller versuchen würden, Kinder frühzeitig an einen bestimmten Zuckergehalt zu gewöhnen, damit sie später ihre Produkte oder andere Produkte mit hohem Zuckergehalt bevorzugen. Aus seiner Sicht ist das «völlig unangebracht».[...]
«Ich verstehe nicht, warum die in Südafrika verkauften Produkte anders sein sollten als die in Ländern mit höherem Einkommen», sagt Karen Hofman, Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität Witwatersrand in Johannesburg und Kinderärztin. «Dies ist eine kolonialistische Praxis, die nicht toleriert werden darf», sagte sie. «Es gibt generell keinen triftigen Grund, Babynahrung Zucker hinzuzufügen», so Hofman weiter. [...]
Doch Nestlé scheint sich diesen Forderungen gegenüber taub zu stellen. Zwar empfiehlt das Unternehmen öffentlich, Babynahrung mit Zuckerzusatz zu meiden, doch scheinen diese weisen Worte nicht für Länder mit tiefen und mittleren Einkommen zu gelten, wo Nestlé weiterhin wissentlich hohe Mengen an Zucker zu einigen seiner beliebtesten Produkte hinzufügt.
Auf Anfrage von Public Eye und Ibfan nimmt Nestlé nicht Stellung zum Doppelstandard beim Zuckerzusatz, der die Schweiz und andere westliche Märkte von Ländern mit tiefen und mittleren Einkommen unterscheidet. Der Konzern erklärt jedoch, er habe in den letzten zehn Jahren «die Gesamtmenge an zugesetztem Zucker im weltweiten Portfolio von Babycerealien um 11 % reduziert» und beabsichtige, sie weiter zu verringern, «ohne Kompromisse bei Qualität, Sicherheit und Geschmack einzugehen». Weiter sei Nestlé daran, Saccharose und Glukosesirup aus seinen Nido-Folgemilchprodukten zu beseitigen. Der Multi ergänzt, seine Produkte seien «vollständig konform» mit dem Codex Alimentarius und nationalen Gesetzen.