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Opinion

15 Déc 2015

Auteur:
Dr. Dorothée Baumann-Pauly, NYU Stern School

Die vergessenen TextilarbeiterInnen in Bangladesch – Forschungsergebnisse des Center for Business and Human Rights, NYU Stern School of Business

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Das Wirtschaftswachstums Bangladeschs hängt an der Textilindustrie. 80% des Exporteinkommens wird durch die sogenannte Ready Made Garment (RMG) Industrie erwirtschaftet; das entspricht 18% des BIPs. Bangladesch ist zudem eines der ärmsten Länder der Welt. Der Mindestlohn in der Textilbranche wurde 2013 auf  68 US-Dollar im Monat angehoben. Das sind 2 US-Dollar am Tag.  Für Deutschland ist Bangladesch das zweitwichtigste Herstellerland für Bekleidung nach China.

Dieser Beitrag fast unsere Analyse der Menschenrechtsrisiken in der Textilindustrie in Bangladesch zusammen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass existierende Initiativen mit dem Ziel Menschenrechte in diesem Sektor zu etablieren noch nicht ausreichend sind um die Textilindustrie in Bangladesch nachhaltig sicher zu gestalten. Abschliessend werde ich eine neue Strategie vorstellen, die das Ziel hat die Ursachen systemischer Menschenrechtsprobleme in globalen Zulieferketten zu addressieren.

Das Center for Business and Human Rights an der New York University ist bislang die erste Forschungsinstitution an einer Business School, die sich mit der Menschenrechtsthematik in der Wirtschaft auseinandersetzt – üblicherweise werden diese Themen von juristischer, doch nicht von betriebswirtschaftlicher Seite beleuchtet. Dass diese betriebswirtschaftliche Perspektive aber dringend notwendig ist, um die Ursprünge der Risiken fuer Menschenrechte zu verstehen, zeigt unsere Forschung. 

Unser Center wurde im Maerz 2013 gegruendet, mithilfe von Mitteln, die der Dekan der business school zur Verfügung gestellt hatte. Seine Absicht dabei: zukünftige Manager fit zu machen fuer die Herausforderungen der Wirtschaft im 21. Jahrhundert.

Nur wenige Wochen nach der Gründung unseres Centers, am 24. April 2013, kam es in Bangladesh zu einem der größten industriellen Unfälle aller Zeiten. Der Einsturz eines Gebäudekomplexes, bekannt als Rana Plaza, kostete ueber 1100 Menschen das Leben; weitere 2500 wurden verletzt. Viele dieser Opfer waren Textilarbeiter, die in den im Gebäude beherbergten Textilbetrieben arbeiteten.

Das Ausmaß dieses Vorfalls lieferte erneut einen Anstoß, die Rolle von multinationalen Unternehmen zu diskutieren, die in schwach regulierten Staaten wie Bangladesch ihre Produkte fertigen lassen. Auch für unser neu gegründetes Center war Rana Plaza der Anlass, sich eingehend mit der Zulieferkette der Textilindustrie auseinanderzusetzen. Aus unserer Sicht sind globale Zulieferketten ein emblematische Beispiel für die Herausforderungen im Menschenrechtsbereich, denen sich Unternehmen stellen müssen. Denn: Welche Aufgabe kommt Unternehmen zu, wenn Regierungen nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Grundrechte Ihrer Bürger zu schützen? Können Unternehmen die Umsetzung von Menschenrechten garantieren?

Rana Plaza steht am Ende einer bereits langen Liste von Fabrikunfällen in der Textilindustrie Bangladeschs: 2012 starben 113 Textilarbeiter in einem Feuer in der Tazreen Fabrik, 2005 gab es 63 Tote beim Zusammensturz der Spectrum Fabrik. Unfälle geringeren Ausmaßes passieren täglich.

Diese Serie deutet auf eine Reihe von systemischen Problemen hin, die ich am Rana Plaza Beispiel skizzieren will: 

  1. Gebäudeschutzauflagen entsprechen nicht den westlichen Standards  – Rana Plaza wurde auf sumpfigem Untergrund gebaut und hatte kein geeignetes Fundament
  2. Bestehende Regulierungen werden nicht durchgesetzt – Bangladesch ist laut Transparency International einer der korruptesten Staaten der Welt: die obersten drei Stockwerke des 8-stöckigen Gebäudes waren nicht bewilligt, ebenso wurden Geschaeftsräume ohne Autorisierung in Industrieräume umfunktionert.
  3. Arbeiter haben keine Stimme und Arbeitsrechtsverletzungen sind die Regel– Arbeiter in Rana Plaza hatten bereits einen Tag vor dem Einsturz auf Risse im Gemäuer hingewiesen doch Arbeiter, die sich weigerten aufgrund von Sicherheitsbedenken das Gebaeude zu betreten, wurden massiv bedrängt und geschlagen.
  4. Marode Infrastruktur - das Stromnetz in Bangladesh ist aufgrund der schnell gewachsenen Textilindustrie dermassen überlastet, dass sich Textilhersteller mit eigenen Dieselgeneratoren behelfen. In Rana Plaza standen diese Generatoren auf den illegalen obersten Stockwerken und haben mit ihrem erheblichen Gewicht zu Gebäudeinstabilität beigetragen.
  5. Bestehende private Kontrollen wie sie von westlichen Herstellern durchgeführt wurden, wie z.B. von BSCI, hatten Gebäudesicherheit nicht auf ihrer Checkliste.

Diesen systemischen Probleme, treffen nicht nur auf Bangladesh zu, sondern sind kennzeichnend für viele Herstellungslaender - in der Textilindustrie, doch auch in anderen Industrien.

Vor diesem Hintergrund habe ich gemeinsam mit meinen Kollegen im Laufe eines Jahres weitere Ursachenforschung betrieben -  aus spezifisch betriebswirtschaftlicher Perspektive.  Wir wollten verstehen, wie westliche Markenhersteller typischerweise den Einkauf von Produkten aus Bangladesh organisieren. Wir haben hierfür etliche Dokumente gesichtet und mit über 100 Stakeholdern gesprochen: Experten, Vertreter von Markenherstellern, NGOs, Industrieverbänden etc, doch auch mit einigen Fabrikbesitzern und Textilproduktionsmanagern in Bangladesh. Zudem haben wir zwei große Konferenzen organisiert: eine in NYC, eine zweite in Dhaka, um zuzuhören und unsere Einsichten zu diskutieren.

In unserer Analyse haben sich zwei fundamental verschiedene Geschaeftsmodelle westlicher Hersteller herauskristallisiert:

  1. Indirect sourcing – Aufträge werden, häufig über Mittelmänner, in Produktionsstätten verteilt, die nicht systematisch auf die Einhaltung von Arbeitsrechtsstandards ueberprüft wurden. Unternehmen haben keinen Überblick, wo exakt ihre Produkte gefertigt werden.
  2. Direct sourcing – Unternehmen bauen strategische Partnerschaften mit ihren Zulieferbetrieben auf und senden Auftraege direkt aund ausschliesslich an diese Betriebe, in denen die Einhaltung von Arbeitsrechtsstandards  regelmässig kontrolliert wird.

Diese unterschiedlichen Geschäftspraktiken haben signifikante Konsequenzen für Menschenrechte– während beim indirect sourcing ein Hersteller kaum Transparenz oder Kontrolle über die Zustände in den Zulieferbetrieben hat, können beim direkten sourcing diese weitaus besser beeinflusst werden.

Diese Forchungsergebnisse haben wir in unserem ersten Forschungbericht mit dem Titel “Business as Usual is not an Option – Supply Chains and Sourcing after Rana Plaza” veröffentlicht.

Mit diesen Forschungergebnissen haben wir zunächst einmal gezeigt, dass im Menschenrechtskontext der Fokus auf eine Analyse der Geschäftspraktiken, sinnvoll ist. Denn Geschäftspraktiken von Unternehmen haben direkten Einfluss auf die Arbeitsrechtssituation von Arbeitern in der Zulieferkette.

Doch die Implikationen sind weitreichender – wir haben auch festgestellt, dass Fabrikbesitzer um dem enormen Zeit- und Preisdruck der Hersteller Stand zu halten, häufig auf komplexe Netwerke weiterer Produktionsstätten zurückgreifen. Dank dieser subcontractors, ist Bangladesh wettbewerbsfähig: große Auftragsvolumen können in akzeptabler Lieferzeit und Qualität zu sehr günstigen Preisen produziert und verschifft werden.

Subcontracting ist aus wirtschaftlicher Sicht äußerst effizient, denn -

  • Es ermöglicht niedrige Preise – von Fabrikmanagern haben wir beispielsweise gehört, dass sie Aufträge selbt dann annehmen, wenn diese von ihnen selbst nicht profitabel produziert werden koennen, doch anderswo eben schon. Diese Aufträge werden angeommen, um die Beziehung mit dem Markenhersteller nicht zu gefährden.
  • Subcontracting ermöglicht die Produktion von großen Liefermengen – Wir haben von Betrieben gehört, dass sie Aufträge annehmen, die über die eigene Produktionskapazität hinausgehen, doch um Auftraggeber zufriedenzustellen, akzeptiert werden.
  • Subcontrating ermöglicht es auch knappe Lieferzeiten einzuhalten, vor allem bei last minute orders oder last minute Änderungen im Produktdesign – der Auftrag wird dann auf mehrere Fabriken verteilt, die parallel rund um die Uhr arbeiten.
  • Es ermöglicht saisonale Produktionsschwankungen auszugleichen – so kann die Arbeiterzahl in der Kernfabrik auch in langsameren Monaten konstant gehalten werden, waehrend man während der Hochsaison Teile der Aufträge auf weitere Fabriken verteilt.

Doch während das System von Zulieferern aus wirtschaftlicher Sicht effizient ist, birgt es enorme Risiken für die Arbeiter in den Zulieferbetrieben. Unsere neuesten Forschungen zeigen, dass mit jeder weiteren Geschäftsbeziehung in der Zulieferkette, die Margen schrumpfen. Schliesslich will jeder in der Zulieferkette noch etwas Profit machen. Da es in diesem business kaum flexible Kosten gibt – Rohmaterialien, Elektrizität, Miete, Maschinen sind Fixkosten – sind die Arbeitskosten der einzig variable Faktor, der immer weiter ausgequetscht wird.

Mit jeder weiteren Ebene in der Zulieferkette schwindet zudem die Kontrollfähigkeit von Unternehmen, durch social audits die Arbeitsrechtsbedingungen zu ueberwachen.  In der Regel, auditieren Unternehmen die Fabriken mit denen sie direkte Geschäftsbeziehungen haben, jedoch nicht die Zulieferbetriebe. Im Rana Plaza Gebäudekomplex, befanden sich übrigens sowohl direkte Zulieferer, als auch nicht registrierte Zulieferer. Das italienische Modelabel Benetton war beispielsweise überrascht, dass seine Produkte in den Trümmern von Rana Plaza gefunden wurden. Wie sich herausstellte, war dies die Produktion bei einem nicht registrierten subcontractor.

 

Die Hersteller kennen das Problem des subcontracting.  In Vertragsklauseln wird deshalb diese Praxis ausdrücklich verboten bzw. werden  hierfür drakonische Strafen verhängt, die bis zur Beendigung der Geschäftsbeziehung reichen können. Diese Strenge ist gut gemeint, führt jedoch in der Praxis nachweislich zu einer Verlagerung des Problems: subcontracting ist untrennbar mit den sourcing models der Hersteller verknuepft.  Solange sourcing vorranging indirect betrieben wird, treibt ein Verbot des subcontracting, die Praxis lediglich weiter in den Untergrund!

Nach Rana Plaza haben sich zwei private Initiativen gegründet, beide mit dem Ziel, die Textilindustrie in Bangladesh ‘safe and sustainable’ zu machen. Der Bangladesh Accord for Fire and Building Safety ist eine Initiative in der sich ueber 200 vorrangig Europaeische Unternehmen zusammengeschlossen haben; die Alliance for Bangladesh Workplace Safety umfasst knapp 30 nordamerikanische Unternehmen. Dies ist das erste Mal in der Geschichte dieser Industrie, dass sich so viele Hersteller zum Ziel gesetzt haben, Arbeitsschutzprobleme in einem Herstellerland gemeinsam zu korrigieren. Diese industrieübergreifende Kollaboration ist unserer Ansicht nach der erste Schritt um das erklärte Ziel – eine sichere Textilindustrie in Bangladesch - aufzubauen.

Um hierbei erfolgreich zu sein, sind jedoch zwei Dinge wichtig:

  1. Zunaechst einmal muss die Gesamtheit der für die Textilindustrie produzierenden Unternehen erfasst werden. 
  2. Gleichwohl muessen die Probleme auf allen Ebenen der Lieferkette in Bangladesh umfassend analysiert werden – dazu gehören beispielsweise die Infrastrukturprobleme, ohne deren Lösung eine nachhaltig sichere Textilindustrie nicht möglich ist (Generatoren auf dem Dach, Fabrikfeuer durch Kurzschluesse)

Wer ein Problem lösen will, muss es erst korrekt definieren.  Und folglich ist es kein unwichtiges Detail, danach zu fragen wieviele Unternehmen in Bangladesch eigentlich an der Produktion von Textilien für den Exportmarkt beteiligt sind.

Vor Rana Plaza wurde die Anzahl von Textilunternehmen in Bangladesch in den Medien auf 4000 – 4500 Unternehmen geschätzt. Nach der Veröffentlichung unseres ersten Forschungsberichts und unserer eher konservativen Schätzung von 5000 - 6000 Unternehmen aufgrund unseres Nachweises der subcontracting Netzwerke im April 2014, gingen diese Schätzungen in den Medien etwas nach oben. Doch bislang weiss niemand genau, wieviele Fabriken am Textilexportmarkt in Bangladesh tatsächlich beteiligt sind.  Wir halten dies für eine verpasste Chance und haben deshalb selbst geforscht.

Nach Rana Plaze gab es für diese Ermittlungen einige günstige Entwicklungen. Aufgrund des internationalen Drucks und der Forderung nach mehr Transparenz haben sowohl die beiden Industrieverbände – BGMEA und BKMEA - als auch das Arbeitsministerium ihre Datenbanken öffentlich zugänglich gemacht. Zudem haben die beiden privaten Initiativen – der Accord und die Alliance – ihre Fabriklisten ins Netz gestellt. Um nun zu ermitteln, wieviele Unternehmen in Bangladesch an der Textilproduktion fuer den Exportmarkt beteiligt sind, haben wir diese fünf Datenbanken in eine Datei zusammengefuehrt. Dies war keine leichte Aufgabe – die Datenbanken hatten alle unterschiedliche Formate!

Die Gesamtdatei aller registrierter Textilbetriebe hatte zunächst einmal über 11.000 Einträge. Darunter befanden sich selbstverständlich viele Dopplungen, die wir über Monate gemeinsam mit Studenten an der NYU beseitigt haben. Die gereinigte Datenbank umfasst heute 7200 Fabriken. Doch diese beschreibt natürlich nur das bekannte Universum an Textilbetrieben, nicht die Zulieferer in zweiter oder dritter Ebene der Zulieferkette, die auf keiner dieser Listen erscheinen.

Um die Relevanz von subcontracting in Bangladesh mit tatsächlichen Zahlen zu belegen, haben wir im Sommer 2015 eine Feldstudie durchgeführt. Ein 8-köpfiges Team hat während dreier Tage zwei geographisch abgegrenzte Distrikte in Dhaka (Rampura und Tongi) untersucht, indem in jeder Strasse des Distrikts jeder Betrieb registriert wurde, der für die Textilindustrie produziert. Anhand eines kurzen Fragebogens konnten wir ermitteln, ob der Betrieb ein subcontractor oder ein offiziell eingetragener Produzent für den Exportmarkt ist. Das eindeutige Merkmal eines subcontractors ist, dass er keine sogenannte “utilization declaration” (UD) beantragt. Diese UD ist ein Dokument, das von den Industrieverbänden ausgehändigt wird und erlaubt, Rohmaterialien fuer Exportaufträge steuerfrei einzuführen. Wer folglich die UD beantragt, muss Mitglied im Industrieverband sein und produziert offiziell für den Exportmarkt; Betriebe die diese UD nicht beantragen doch nicht, oder nur teilweise, fuer den heimischen Markt produzieren, sind nicht registrierte Zulieferbetriebe.

In unserer Feldstudie konnten wir insgesamt 479 Fabriken identifizieren, die eindeutig für die Textilindustrie produzieren. Darunter befanden sich 153 subcontractors, also ueber 30% des Samples.  Dies zeigt, dass subcontracting einen signifikanten Anteil der Textilproduktion ausmacht und die Gesamtzahl der für den Export produzierenden Fabriken noch weitaus höher liegt, als bislang angenommen – weit über 7000 Unternehmen, also über doppelt soviele wie bislang angenommen. Die detaillierten Ergebnisse unserer Studie werden am 18. Dezember mit dem Titel “Beyond the Tip of The Iceberg – Bangladesh’s Forgotten Apparel Workers” veröffentlicht.  Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse wegweisend sein werden für die zukünftige Gestaltung der Lösungsansätze.

Die Datenbanken enthalten eine weitere interessante Information und zwar die Anzahl der Mitarbeiter pro Betrieb. Mithilfe dieser Daten konnten wir folglich auch die Gesamtzahl der Arbeiter in der Textilindustrie ermitteln. Bislang ging man von ca. 4 Millionen aus; laut unserer Datenbank liegt diese Zahl aber bei über 5 Millionen. Wir können auch zeigen, wo diese Arbeiter beschäftigt sind –nämlich nicht nur in mittleren und grossen Betrieben, sondern auch in kleinen und in sehr kleinen Betrieben, mit weniger als 100 Arbeitern. 

Die privaten Initiativen, jedoch, fokussieren sich auf die mittleren und großen Betriebe, das heisst auf die Betriebe, die bereits ohnhin aufgrund ihrer Größe eine bessere Marktposition und Infrastruktur haben. Diese Unternehmen werden bereits seit über 15 Jahren in Bangladesh auditiert, und sind folglich schon lange Inspektionen ausgesetzt. Inwiefern diese Inspektionen erfolgreich sind könnte an diese Stelle ebenfalls diskutiert werden, führt aber in diesem Rahmen zu weit. Tatsache aber ist, dass die Beziehung zwischen Fabrikgröße einerseits und Fokus der privaten Initiativen andererseits invers ist. Das heißt Accord und Alliance konzentrieren ihre Kontrollen wieder auf die großen Betriebe, anstatt sich mit den kleineren Zulieferbetrieben auseinanderzusetzen, die einen zentralen Beschäftigunganteil ausmachen und in denen die Menschenrechtsrisiken noch nicht systematisch analysiert wurden. Doch angesichts schrumpfender Margen in jeder weiteren Geschäftsebene kann man davon ausgehen, dass Investitionen in Arbeiter nicht mehr möglich sin. Basierend auf unserer Feldstudie wissen wir auch, dass die Bedingungen für Arbeiter in den Zulieferbetrieben schlecht sind. Die Mitarbeiter unseres Feldforschungsteams, alle erfahrene Auditoren, berichteten beispielsweise schockiert über das Ausmaß von Kinderarbeit in diesen Betrieben. 

Um unsere neuesten Forschungsergebnisse auch visuell darzustellen, haben wir eine interaktiven Karte von Bangladesch erstellt, anhand derer man unsere Daten im Detail ablesen kann. Diese Karte wird gemeinsam mit dem Bericht erscheinen. 

Zusammenfassend: Welche Lösungen bieten die existierenden privaten Initiativen an?

  1. Im Hinblick auf die Reichweite der Initiativen muss man festhalten, dass Accord und Alliance 1’900 Fabriken in Bangladesch abdecken. Angesichts einer Industrie, die über 7’000 Fabriken umfasst heißt das natürlich, dass sich folglich nur ein Bruchteil der gesamten Textilindustrie in Bangladesch der Kontrolle ausländischer Hersteller unterziehen müssen. Man könnte auch sagen: die Spitze des Eisbergs! Zudem liegt der Fokus dieser Kontrollen auf Feuerschutz und Gebäudesicherheit. Andere Arbeitsrechtsverletzungen wie beispielsweise eine korrekte Bezahlung von Überstunden wird nicht ueberprüft. Die Kontrollen untersuchen bzw. addresieren auch nicht die Risikoursachen, die häufig in der unzurreichenden Infrastruktur oder den sourcing models zu finden sind.
  2. Die Kontrollen werden lediglich bei den direkten Zulieferern durchgeführt, nicht aber in den fuer die Produktion kritischen subcontracting Betrieben, obgleich die Menschenrechtsrisiken in diesen Betrieben prekär sind.
  3. Accord und Alliance haben im Sommer 2015 die Inspektionsphase aller Betriebe abgeschlossen. Alle identifizierten Sicherheitsmängel wurden in sogenannten “corrective action plans” dokumentiert.  Der Accord allein konnte laut eines Berichts des Guardian im Oktober 2014 in seinen Fabriken über 80.000 Mängel feststellen.

Die Frage, wie diese Mängel nun behoben werden, ist in vielen Fallen jedoch noch ungeklärt. Wer bezahlt für verbesserte Sicherheitsstandards und Infrastruktur in diesen Fabriken?  Bislang liegt die Zahl der abgeschlossenen, d.h. voll umgesetzten “corrective action plans” im einstelligen Bereich.

Dies zeigt: Private Initiativen gehen bislang nicht weit genug, um die Textilindustrie Bangladeschs nachhaltig sicher zu gestalten. Dieses Fazit muss für die teilnehmenden Markenhersteller unbefriedigend sein: Denn das Engagement in Accord oder Alliance führt nicht zu einer systematischen Risikominimierung, die sich viele Unternehmen wünschen! Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied und momentan sind die tatsächlichen Schwachstellen in den Zulieferketten weder transparent noch in Verbesserungsmaßnahmen eingebunden.

Und folglich stellt sich die Frage: Was sind die Alternativen?

Im November hat die Arbeitsgruppe für Menschenrechte des World Economic Forums ein White Paper veröffentlicht mit dem Titel Shared Responsibility – A New Paradigm for Supply Chains”. Unser Center an der NYU leitet diese Arbeitsgruppe und hat gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern – Vertretern von Industrie, Zivilgesellschaft und Wissenschaft – im Laufe des vergangenen Jahres diese Strategie erarbeitet. 

Shared responsibility basiert auf der Annahme, dass im Prinzip jede Geschäftsbeziehung der Zulieferketten transparent gemacht werden kann. Hierfür muss klar gestellt werden, dass Transparenz nicht eine volle Verantwortungsübernahme impliziert. Bislang wird von den Markenherstellern erwartet, dass sie volle Verantwortung übernehmen sobald in einem Teil ihrer Zulieferkette ein Problem auftaucht. Doch das ist nicht realistisch. H&M war vor einigen Jahren im Rampenlicht für den Bezug von Baumwolle aus Usbekistan, einem Land das nachweislich Kinderarbeit im Ernteprozess einsetzt. Kann H&M das Regime in Usbekistan umkrempeln? Wohl kaum als Einzelakteur. Können Unternehmen, die in Bangladesch Textilien fertigen lassen, dass marode Stromnetz renovieren? Das ist wohl nicht ihre Aufgabe. Doch sie können gemeinsam mit anderen Akteuren einen Beitrag leisten, und zwar im Rahmen eines koordinierten Programms, das Verantwortlichkeiten anteilig verteilt. Um die Menschenrechtsherausforderungen in Bangladesh’s Textilindustrie in effektiver Weise anzugehen, müssen -

  1. die Menschenrechtsrisiken und Ursachen entlang der kompletten Zulieferkette  analysiert und die Kosten eines Upgrades der gesamten Textilindustrie ermittelt werden.
  2. mehr Akteure ins Boot geholt werden, um gemeinsam zu einer umfassenden Lösungsstrategie beizutragen. Schlüsselakteure hierfür sind unserer Ansicht nach in Bangladesh auch Fabrikbesitzer, lokale Eliten und international Finanzinstitutionen.

Die zu Beginn aufgeworfene Frage – wer ist für die Menschenrechtsprobleme in globalen Zulieferketten zuständig- beantwortet der neue Ansatz differenziert:  Alle Akteure, die an eine Lieferkette beteiligt sind, haben einen Teil der Verantwortung für den Menschenrechtsschutz zu tragen. Unternehmen allein können nicht alle systemische Risikofaktoren beseitigen. Sie können ihr Geschäftsmodell zu direct sourcing umstellen, doch Sie brauchen Unterstützung von weiteren Schlüsselakteuren: lokalen und internationalen Regierungen, internationalen Finanzinstitutionen und lokalen Fabrikbesitzern und Eliten, die an umfassenden Lösungen mitarbeiten müssen.

Einen ersten Vorstoß in Richtung shared responsibility hat die deutsche Bundesregierung im Kontext der supply chain Initiative im Rahmen der G7 getan. Wir sind gespannt zu sehen, was sich daraus entwickelt.

Abschließend fasse ich die Relevanz unserer Forschung für Bangladesch und unseres Verständnisses globaler Zulieferketten nochmal in drei Punkten zusammen.

  1. Globale Zulieferketten sind Netzwerke mit vielen Ebenen; social audits von westlichen Herstellern erreichen typischerweise nur die erste Ebene und sind deshalb unzureichend.
  2. Subcontracting ist keine Randnotiz sondern essentiell für den Exportmarkt in Bangladesch und anderswo. Subcontracting ist wirtschaftlich effizient und stellt eine wichtige Beschäftigungsquelle dar, doch momentan ist die Praxis nicht transparent und folglich können die Menschenrechtsrisiken in den subcontracting Betrieben nicht gemanaged werden. Subcontracting kann nicht mit Vertragsklauseln kontrolliert werden, sondern nur mit geänderten sourcing practices.
  3. Die Herausforderungen in Bangladesh und anderen Industrien mit chronischem Menschenrechtsrisiken sind weitaus umfangreicher als private Initiativen in Angriff nehmen koennen. Eine sichere und nachhaltige Textilindustrie bedarf eines neuen Ansatzes; shared responsibility schlagen wir als mögliche Alternative vor.

Statistisch gesehen arbeitet momentan jede zweite Textilarbeiterin in Bangladesch in einem Betrieb, den Inspektoren noch nie besucht haben, dessen Sicherheitsstandards mangelhaft sind, und international anerkannten Arbeitsrechte nicht geachtet werden. Eine solche fifty-fifty Chance auf eine Zukunft ist nicht akzeptabel. Es muss mehr geschehen, und Rana Plaza hat hierfür einen historischen Anstoßpunkt geschaffen – dieses Momentum der internationalen Aufmerksamkeit sollte als Chance genutzt werden.