Taiwan: Investigativrecherche zu Zwangsarbeit in Fahrradlieferketten führt zu Maßnahmen bei Herstellern
"Durch Journalisten aufgedeckte Zwangsarbeit zwingt Fahrradhersteller in die Knie"
Investigativ-Journalist Peter Bengtsen hat Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft beim weltgrößten Fahrradhersteller Giant in Taiwan aufgedeckt. Die USA verfügten einen Importstopp
Zum Jahresabschluss eine gute Nachricht aus der Welt der Fahrräder. Der dänische Investigativ-Journalist Peter Bengtsen hat in den vergangenen zwei Jahren mit seinen Recherchen in Taiwans Fahrradindustrie für Le Monde Diplomatique für Aufsehen gesorgt. Und er hat mit seiner Arbeit eindrucksvoll bewiesen, warum kritischer, unabhängiger Journalismus wichtig ist. Bengtsen hat es geschafft, Missstände in den Werken der größten Fahrrad- und Komponentenhersteller der Welt aufzudecken und damit für eine nachhaltige Veränderung zum Positiven gesorgt.
Der anschaulichste Fall betrifft den Fahrradhersteller Giant mit Firmensitz in Taiwan. Neben eigenen Rädern produziert Giant auch Rahmen für zahlreiche andere große Marken wie Trek oder Scott, was das Unternehmen zum kolportiert größten Hersteller von Fahrrädern macht. Bengtsen und sein Team interviewten über Monate Wanderarbeiter aus Thailand, Vietnam und anderen ärmeren Nachbarstaaten in Taichung, dem Zentrum der taiwanesischen Fahrradindustrie. Dabei stießen sie auf Berichte von Missständen, die ein System von Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit zeichneten. Nicht nur bei Giant, auch bei anderen großen Herstellern wie Merida, der Nummer zwei hinter Giant, oder dem Reifenhersteller Maxxis sowie Fox Factory deckte Bengtsen ähnliche Verstöße auf.
USA verhängen Importverbot für Giant
Im Fall von Giant führten seine Enthüllungen im September dieses Jahres zu Konsequenzen. Denn die US Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) verhängte wegen des Verdachts auf Zwangsarbeit eine so genannte "Withhold Release Order", also einen Importstopp gegen in Taiwan produzierte Fahrräder und Komponenten von Giant – auch solche, die in Taiwan für andere Marken hergestellt werden. Das sorgte für Aufregung und veranlasste Giant, umgehend Maßnahmen zu ergreifen. Am 15. Oktober verpflichtete sich das Unternehmen, eine erste Tranche an Rückerstattungen an vietnamesische und thailändische Arbeiter zu zahlen. Die Betroffenen bestätigten gegenüber Bengtsen den Erhalt des Geldes. Am selben Tag gab Giant bekannt, dass die Übersiedlung von 400 Wanderarbeitern in neue Unterkünfte abgeschlossen sei.
Am 19. Dezember erklärte die Geschäftsführung von Giant, "Phase zwei" ihres internen "Korrekturprogramms" eingeleitet zu haben und mit der CBP intensive Gespräche zu führen. Ziel sei es, eine schnellstmögliche Widerrufung des Importstopps zu erreichen, der sich bereits auf die Umsatzzahlen auszuwirken beginnt. Dafür garantiert das Unternehmen, dass keine Vermittlungsgebühren mehr von den Wanderarbeitern bezahlt werden müssen. Bereits geleistete Zahlungen sollen erstattet werden. Außerdem werden bessere und fairere Überstundenregelungen sowie Arbeitsbedingungen versprochen.
Journalismus der wirkt
Allein im Oktober 2025, so Bengtsens Dokumentation der Ereignisse, haben Giant und Merida – gegen dessen Produkte ebenfalls ein US-Importstopp im Raum stand – insgesamt zwischen 2 und 2,25 Millionen Dollar an ihre Arbeiter rückerstattet. Auch Taiwans Regierung musste sich nach Bengtsens Berichten und den Konsequenzen, die sie nach sich zogen, mit den Arbeitsbedingungen in der Fahrradbranche beschäftigen. Man sei um Verbesserung bemüht und werde mit Nachdruck auf die Einhaltung internationaler Standards achten, wird versprochen. Knapp 1000 Unternehmen mit insgesamt rund 40.000 Beschäftigten produzieren in Taiwan für die weltweite Fahrradindustrie. [...]
Sowohl die Hersteller als auch die Marken wurden von Peter Bengtsen zu Stellungnahmen eingeladen. Ihre Antworten sind hier aufrufbar.