Recherche dokumentiert hohen Wasserverbrauch der deutschen Großindustrie
"Die größten Wasserschlucker Deutschlands", 24. Juni 2022
Die deutsche Großindustrie verbraucht Billionen Liter Wasser jährlich – vielfach mehr als die privaten Haushalte. Trotzdem werden laut CORRECTIV-Recherchen künftig vor allem Bürgerinnen und Bürger sparen müssen: Jahrzehntelange Verträge sichern den Konsum von Industrie und Großverbrauchern.
Trockene Felder, Waldbrände und Städte, die ihre Bürgerinnen und Bürger zum Wassersparen aufrufen – während in vielen Regionen Deutschlands das Wasser knapp wird, muss sich zumindest die Industrie wenig Sorgen machen. Die Bundesregierung und ihre Vorgängerinnen haben es versäumt, Großkonsumenten wie RWE oder BASF zum Wassersparen zu verpflichten und ihren Verbrauch einzuschränken. Dabei nutzen nach CORRECTIV-Recherchen Kohle-Tagebaue, Chemiefirmen und die Nahrungsmittelindustrie insgesamt fast viermal so viel Fluß- und Grundwasser wie alle Bürgerinnen und Bürger zusammen – und können dies mit jahrzehntelangen Verträgen auch weiterhin tun.
[...] Welche Unternehmen in Deutschland am meisten Wasser nutzen, und wie sehr Behörden bei der Auskunft zu den größten Nutzern mauern, zeigt erstmals diese Recherche. CORRECTIV hat alle 16 Bundesländer angefragt, welche bei ihnen angesiedelten Unternehmen am meisten verbrauchen. Nicht alle Anfragen wurden vollständig beantwortet.
Zuvor hatte CORRECTIV aufgedeckt, dass sich Landwirtschaft, Umweltverbände, Industrie und Behörden zunehmend vor Gericht um Wasser streiten. Diese gerichtlichen Konflikte machen deutlich, dass auch in Deutschland bereits Verteilungskämpfe toben und bisher ungeklärt ist, wer im Falle einer Wasserkrise sparen muss: Private Haushalte oder die Industrie.
Mit insgesamt rund 500 Millionen Kubikmetern Wasser pro Jahr gehören die Tagebaue von RWE zu den Spitzenreitern – sie verbrauchen so viel wie rund elf Millionen Bürgerinnen und Bürger. Aber ans Einsparen denkt der Essener Konzern nicht: „Die größte Wassersparmaßnahme ist der Kohleausstieg“, so ein Sprecher auf Anfrage. Mit jedem nicht mehr betriebenen Kraftwerksblock sinke der Bedarf. Mit anderen Worten: Frühestens mit dem geplanten Kohleausstieg im Jahr 2030 können die von RWE verwendeten Wasserquellen wieder für Trinkwasser oder die Bewässerung von Feldern mit Weizen, Salat oder Kartoffeln genutzt werden. Bis dahin zahlt der Konzern nach eigenen Angaben höchstens fünf Cent für einen Kubikmeter. Bürgerinnen und Bürger zahlen für die selbe Menge knapp vier Euro.
[...] Mehr als die Kohlekraftwerke verbraucht allerdings die chemische Industrie: Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF nutzt nach CORRECTIV-Recherchen mehr Wasser als jedes andere Unternehmen in Deutschland. Um ihre Lacke, Düngemittel und Kunststoffe herzustellen, müssen Rohstoffe erst erhitzt und schließlich mit Wasser abgekühlt werden.
[...] Ein Grund für diese Verschwiegenheit könnte sein, dass BASF nahezu nichts für einen Kubikmeter Wasser, also 1.000 Liter, leisten muss: Insgesamt zahlte der Weltkonzern nach Angaben des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums im Jahr 2020 rund neun Millionen Euro – also weniger als 0,75 Cent pro Kubikmeter. Sein Konkurrent Alzchem, der an vier Standorten in Bayern vor allem klimaschädlichen Stickstoffdünger für die konventionelle Landwirtschaft herstellt, zahlt offenbar nichts: „In Bayern bestehen derzeit noch keine Regelungen über die Erhebung von Wasserentnahmeentgelten“, schreibt der Konzern auf Anfrage.